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Die Würde der Armen

Die Bettlerin

Sie saß immer an der selben Stelle. Bei Sonne, bei Regen, immer saß sie auf dem selben Stückchen Asphalt, den dünnen Rücken an die kleine Mauer gelehnt. Ihre Hände waren alt und faltig, ihr Kopf nach unten geneigt, die wenigen Haare darauf dünn und grau. An ihr Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Ihr Blick ruhte immer auf der kleinen Schachtel, die vor ihr stand, und sie hob den Kopf nicht, wenn einer der Vorübergehenden eine Münze hineinwarf. Aber an ihrem Gang würde ich sie erkennen. Schleppend war er und gebückt. Man konnte die Schmerzen sehen. Sie kam immer um die Mittagszeit und ging erst, wenn es dunkel wurde. Ich habe sie nie ein Wort sprechen hören.

Und dann standen eines Tages diese braunen Herrenschuhe vor ihr. Standen nur da und schienen zu warten. Jedenfalls wurde keine Münze in die kleine Schachtel geworfen und das verwunderte sie. Nach einer Weile hob sie unwillkürlich den Kopf. Sie sah das freundliche Gesicht noch ehe sie die Blume in der Hand des Mannes wahrnahm. „Für Sie!“ sagte er leise und streckte ihr hoffnungsvoll die Blume entgegen. Es war nicht irgendeine Blume. Es war eine Rose. Der lange Stiel trug eine Knospe, die sich schon zu öffnen begann. Rot würde die Blüte sein. Die Rose war wunderschön.

Mühsam und ohne Hast stand die Bettlerin auf. Eine kurze Weile stand sie nur da und atmete mit geschlossenen Augen den Duft der Rose ein. Dann nahm sie die Blume, wortlos, und ging schleppend davon. Ich habe sie nie wieder gesehen.

(SN, frei nach einer Begebenheit, die von Rainer Maria Rilke und einer Bettlerin in Paris überliefert ist)

„Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“
(Rainer Maria Rilke)